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Neue Züricher Zeitung vom 2.10.2008, Ressort Magazin / Reisen-Freizeit:
Zwischenstopp:
Mit Friedrich dem Grossen durch Berlin
Olaf Kappelt – ein Unikat unter den Touristenführern der deutschen Hauptstadt
Verkleidet als König Friedrich der Grosse, führt Olaf Kappelt täglich Touristen durch Berlin, und besonders zu denjenigen Sehenswürdigkeiten, welche an den Alten Fritz erinnern.
von Christian Schreiber
Am liebsten posiert er vor dem Brandenburger Tor. Die Touristen knipsen eifrig, wenn er sich in Stellung bringt, die Linke in die Hüfte schiebt und sich mit der anderen Hand auf dem Stock abstützt. Nur wenn er mit Napoleon verwechselt wird, verzieht er kurz das Gesicht. «Ich bin Friedrich der Grosse», sagt Olaf Kappelt dann in einem derart überzeugenden Ton, dass sich gar niemand traut, ihn zu belächeln. Degen und Dreispitz, Perücke und Puder, gelbe Weste, blauroter Mantel und schwarze Stiefel. Der neue Alte Fritz sieht tatsächlich aus wie der echte Alte Fritz. So gekleidet, führt Kappelt Touristen durch Berlin, zeigt ihnen besonders die Sehenswürdigkeiten, die heute noch von Friedrich dem Grossen erzählen.
Die Strassen und Plätze der deutschen Hauptstadt sind seine Bühne. Jede Führung kommt einer Inszenierung gleich. Der Stadtführer ahmt Leiden und Leben des Herrschers bis ins Detail nach, hinkt und hustet sogar wie sein Vorbild, das es auch wegen seiner zahlreichen Krankheiten zu Berühmtheit gebracht hat. Er kennt die Lebensgeschichte des Königs vom Lieblingsgetränk (heisse Schokolade) bis zum Tick für Windspiele. Die Rolle ist Kappelt auf den Leib geschrieben. Wer für eineinhalb Stunden zu seinen Gästen zählt, kann sich der ganzen Aufmerksamkeit des Berliners sicher sein. Kappelt schneidet seine Führungen sogar auf die Nationalität der Gruppen zu. Das eidgenössische Programm beispielsweise umfasst einen Besuch beim Haus der Schweiz, wo Tells Sohn mit dem Apfel auf dem Kopf jedem Touristen signalisiert, wo er gelandet ist. «Es gibt viele Schweizer Spuren in Berlin», betont Kappelt. Er muss es wissen, schliesslich hat er sich in ein spezielles Thema so sehr vertieft, dass sogar ein Buch dabei herausgekommen ist. Der Titel erklärt schon einiges: «Als Neuenburg und Valangin noch bei Preussen waren, vor 300 Jahren». Die Gäste erfahren davon, wenn sie mit Kappelt bei der Neuen Wache angekommen sind, wo einst Neuenburger Soldaten ihren Dienst taten.
Schutz vor unliebsamen Nachbarn
Der Alte Fritz war lange Zeit Landesherr von Neuenburg. Nicht im Sinne eines Unterdrückers, die Neuenburger hatten seinen Grossvater 1707 zum Machthaber über ihr Fürstentum gewählt, weil das bis dato herrschende Geschlecht ausgestorben war. Es war ein wohlüberlegter Zug: Durch die weite Entfernung zu Preussen erhielten sie eine gewisse Freiheit und durch die Macht des Königshauses Schutz vor unliebsamen Nachbarn. «So konnten sie Österreich und Frankreich auf Distanz halten», erklärt Kappelt.
Zwei Strassen in Berlin erinnern noch an «dero einst», wie Kappelt stets zu sagen pflegt: Neuchâteler und Neuenburger Strasse. Aber da geht Kappelt mit seinen Gästen nicht hin. «Zu weit weg.» Es liegt aber eher wohl daran, dass beide Strassen nicht gerade Glanz verströmen. «Naja, da gibt es nicht einmal ein Restaurant.» Wenn es nach Kappelt ginge, müsste die Stadt diese beiden Strassenzüge ordentlich rausputzen. Trotzdem hat er von der Neuenburger Strasse aus im November 2007 eine historische Tour in Richtung Neuenburg gestartet, um die Fürstenwahl vor 300 Jahren wieder ins Gedächtnis der Schweizer und der Deutschen zu rufen. «Ich war der Einzige, der an den Tag erinnert hat.»
Privataudienz möglich
Wenn es Touristen wünschen, gewährt ihnen der Alte Fritz auch eine Privataudienz. Dann geht es zum Beispiel mit der Kutsche durch Berlin. «Ort und Inhalt sind wählbar.» Kappelt ist bereits eine Institution in der Hauptstadt, man kann ihn sogar im TUI-Katalog buchen. Bis zu dreimal am Tag zieht er mit Grüppchen durch die Strassen. Stadtführer gibt es zuhauf in Berlin, mehr als 500. «Aber ich bin der einzige, der das als historische Person macht.» Dabei war die Idee aus der Not geboren. Vor acht Jahren war Kappelt, der Kirchengeschichtler, Philosoph und Sozialpädagoge ist, beim Berliner Arbeitsamt gelandet, wo man ihm sagte: «Wir haben schon so viele arbeitslose Sozialpädagogen, da haben Sie kaum eine Chance.» Also ist Kappelt in die Rolle des Alten Fritz geschlüpft. Schon in seiner Kindheit hat er preussische Geschichte eingeatmet: Seine Vorfahren standen in königlich-preussischen Diensten, der Vater hat ihm ständig Geschichten von Friedrich dem Grossen erzählt.
«Während meine Schulkameraden Karl May lasen, habe ich mir Bücher über Preussens Geschichte zu Gemüte geführt.» Kappelt geht in seiner Rolle voll auf, und die Grenzen zum Privaten sind längstens verschwommen: «Ich gehe mit Friedrich ins Bett und stehe mit Friedrich auf. Nur eine Königin habe ich noch nicht gefunden, aber damit tat sich der Alte Fritz ja auch schwer.»
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